Chefs, raus aus euren Büros! Rettet die Zukunft!

Die Industrie lebt seit 200 Jahren unverändert dieselbe Führung in Struktur und Kultur: Von oben nach unten kontrollieren und verwalten. Dieses Selbstverständnis, dass der größte Teil der Menschheit sich passiv von einer kleinen Elite führen lässt, ist eine der kritischen Ursachen der ökonomischen und sozialen Divergenzen, die zu einem unbeherrschbaren Einfluss auf das Erdklima und die Ressourcen führen.

Daraus folgt: Das Gleichgewicht muss wiederhergestellt werden. Die Menschen “an der Basis” müssen anders in die Gestaltungsprozesse der Zukunft eingebunden werden: mit all ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, Ideen und Energie.

Es stellt sich die Frage, ob wir warten, bis irgendjemand es für uns besser macht oder gibt es einen Weg, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, ohne dabei den Wettbewerbsvorteil zu verlieren oder gar ordentlich davon zu profitieren?

Fast die gesamte Industrie weltweit lebt ein Führungsmodell, das sich seit 200 Jahren, also seit der Industrierevolution, nicht mehr weiterentwickelt hat: Die “Arbeitskräfte” von oben nach unten, entlang der Hierarchie zu diktieren, kontrollieren, verwalten und unter Druck zu setzen. Die Mehrheit in der Organisation versteht sich als Befehlsempfänger: Besser man schweigt und führt Befehle aus. Die Menschen bleiben Arbeitsressourcen, die beliebig eingesetzt und ersetzt werden können. Sie sollen ihren Mund nur aufmachen, wenn sie gefragt werden und dabei nicht das bestehende System in Frage stellen.

Ob man schließlich zu den lukrativen “Gewinnern” gehören wird, um die Macht und alle Privilegen zu genießen, oder ob man als “Verlierer” mit wenig Macht und Wohlstand einen Platz in der Gesellschaft einnimmt, entscheidet sich fast von alleine und ist absehbar: Die erwartete Homogenität in unserer Gesellschaft (Herkunft, soziale Umgebung, Erziehung, Ausbildung usw.) presst die Menschen in eine vorgegebene Form. 

Auch die Unternehmen sind so programmiert, dass die gesetzte Struktur nicht in Frage gestellt oder gar zerstört wird: Eine Struktur, in der ein kleiner Anteil der Menschen die Zukunft gestaltet und der Rest nur passiv mitlaufen darf. Wer zu den “Gewinnern” gehören möchte, muss das Spiel beherrschen und weiterhin das anachronistische Führungsmodell vorleben: Macht gegen Macht, Ergebnis gegen Ergebnis, Zahlen gegen Zahlen, egal was es kostet. Wer ein schlechtes Ergebnis präsentiert, fällt aus dem System. 

Diese 200 Jahre alte Industrieführung hat mittlerweile eine Monster-Dimension erreicht und droht in verschiedener Hinsicht die eigene Heimat zu vernichten. Wenn es im Monatsabschluss um Millionen-Gewinn oder -Verlust geht, hat eine langfristige, vernünftige Strategie selten einen sinnvollen Spielraum. Es geht nur um eins: mehr Gewinn. Bedauerlicherweise fällt den Verwaltern der Gewinne nichts besseres ein, als die Effizienz durch Kostensenkung (Prozesse), Zukauf von anderen Firmen (potenziellen Konkurrenten) und Druckerhöhung (auf die Mitarbeiter) zu erreichen. Der Wettbewerb ist überall derart eindimensional, dass sich keiner mehr alleine aus dieser Struktur hinaus traut.

Gibt es trotzdem noch eine vernünftige Chance, den Trend zu wenden? Wer oder was kann die Richtung ändern?

Die einzige Chance liegt darin, dass mehr Menschen, an der Gestaltung der eignen Zukunft teilnehmen und nicht nur als passiver Empfänger, Beobachter und Mitläufer des Geschehens verbleiben. Die Unternehmer und Geschäftsführer könnten dabei einen wichtigen Beitrag leisten:

1: Jedes Unternehmen kann seine Führungskultur ändern. (Ich betone hier bewusst die “Kultur” der Führung und nicht die Struktur. Die strukturelle Veränderung könnte möglicherweise folgen.) Die Annahme, dass eine kleine Gruppe “schlauer” und höher bezahlter Menschen alles wissen, kontrollieren und entscheiden kann, ist ein Mythos. Zumindest geht dieses Modell in der heutigen Zeit längst nicht mehr auf. Dafür ist der Markt zu schnelllebig und komplex. Eine unglaubliche Menge an Entscheidungen ist täglich zu fällen. Die bekannten Tools der Kommunikation – Meeting, E-Mail, Berichte, Excel, Power Point, Einzelgespräche – werden der neuen, extrem komplexen Realität nicht mehr gerecht.

Wenn ein Unternehmen nicht in der Lage ist, das Wissen, die Erfahrungen, die Ideen und die Energie aller Mitarbeiter freizusetzen (ich meine wirklich “frei” und nicht nur selektiv und willkürlich), um diese Energie zur Gestaltung der eigenen Zukunft einzusetzen, dann ist die langfristige Effizienz so schlecht, dass man niemals die notwendige Wettbewerbs- und Überlebensfähigkeit erreichen wird. 

Man darf dabei nicht vergessen: Jedes Unternehmen kann langfristig nur dann überleben, wenn es einzigartig ist. Diese Einzigartigkeit wird nicht durch Maschinen, hübsche Gebäude oder das Rekrutieren von “hochwertigen” Mitarbeitern generiert. Das kann jeder. Die Konkurrenz kann technologisch gleichziehen und sie kann Konzepte kopieren. Aber somit sind sie noch lange nicht einzigartig. Die einzige Chance, als Organisation einzigartig zu sein, liegt darin, das Potenzial aller Mitarbeiter auszuschöpfen. Wenn Ihr Unternehmen die Führungskultur ändert und damit alle Menschen zu Gestaltern der Zukunft ermächtigt, wird es eine unvorstellbare Dimension an Effizienz und Potenzial gewinnen.

2: Ihr Unternehmen wird eine andere Reputation genießen, weil die Menschen in Ihrem Unternehmen glücklicher sein werden. Durch die uneingeschränkte Offenheit – eine der wichtigsten Voraussetzungen der zukunftsfähigen Führungskultur – erleben die Menschen mehr Würde, Respekt und Selbstvertrauen. So etwas spricht sich schnell herum. Ihr Unternehmen wird immer mehr Gleichgesinnte anziehen. Eine dynamische, kreative und motivierte Mannschaft kann alle Herausforderungen auf dem Markt “anders” überleben als die konventionell geführten Unternehmen.

3: Ihr Unternehmen wird auf dem ökosozialen Markt ein positives Signal setzen und anderen Unternehmen Mut machen, auch diesen Weg zu gehen. Je mehr Unternehmen mitmachen, umso mehr starke und selbstbewusste Menschen wird eine Gesellschaft an ihrer Basis haben. Diese Menschen erzeugen Druck, so dass die richtigen Fragen gestellt werden und konkrete Handlungen erfolgen. 

Gibt es da einen Haken? Ja und nein: Sie müssen den ersten Schritt gehen, ansonsten wird nichts passieren. Sie selbst müssen aus Ihrem Office heraus gehen. Sie müssen loslassen und aufhören, ausschließlich an Reports, Meetings und Zahlen zu glauben. Sie müssen den Mut haben, auf Ihre Mitarbeiter zuzugehen. Sie müssen den Mut haben, unangenehme Realitäten frontal anzuschauen, die Sie in Ihrem gemütlichen Office niemals sehen würden. Sie müssen Ihren Mitmenschen vertrauen. Sie müssen auch Fehler und Probleme mögen lernen.

Dies lohnt sich immer. Solange Sie uneingeschränkt offen sind, Dinge einfach zu halten (ohne komplizierte Konzepte von Beratern bspw.) und konstruktiv zu kommunizieren, werden Sie von Ihren Mitarbeitern unterstützt.

Und das ist ein “Miteinander”, das Kraft hat. Dieses Miteinander hat eine große Tragweite, weil Menschen gestärkt werden, die bis heute zum Schweigen verdonnert waren und daher keine Impulse zur Veränderung setzen konnten. 

Die Zukunft der Erde braucht ein soziales, ökologisches und ökonomisches Gegengewicht zur Herrschaft der Wenigen. Dieses Gewicht ist nur durch Masse zu erreichen. Je mehr Unternehmen diesen Weg gehen werden, umso größer wird die Masse sein. Auch Ihr Unternehmen ist ein Teil des Ganzen. 

Die Einzigartigkeit ist der Schlüssel dazu. Und dafür ist ein anderes Miteinander erforderlich: Eine zukunftsfähige Führungskultur muss her. Wenn Sie diese erfolgreich etabliert haben, ist Ihr Unternehmen unschlagbar: Sie genießen einen besonderen Ruf aufgrund einer unfassbaren Stärke Ihrer Mitarbeiter. 

Es nimmt Ihnen aber keiner diese Aufgaben ab. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie den ersten Schritt gehen wollen. Eine solche Veränderung wird lange dauern und viel Energie kosten. 

Also raus aus dem Office! Sie können einen Betrag leisten, um den Kurs der Erde zu beeinflussen.

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