Schwache Führung? Von wegen…

Farbenfrohe Illustration im Skizzenstil auf dunklem Grund: Unten stehen bunte, würfelartige Bürozellen mit Schreibtischen und Rechnern, darüber sind stilisierte Menschenfiguren in Reihen wie ein Organigramm angeordnet. Den ganzen Raum durchziehen schillernde Seifenblasen, die in Ketten das obere und das untere Feld verbinden.

Dass wir mehr Macht und Entscheidungskompetenz an die Mitarbeitenden abgeben sollten, darin herrscht weitgehend Konsens, nicht aus moralisch-liberalen Gründen, sondern aus ganz praktischen: Die klassische Führungsetage wird die rasant wachsende Komplexität nicht mehr alleine bewältigen können. Das bedeutet unweigerlich, dass die Arbeitsebene mehr Kompetenz bekommt, autark entscheidet und umsetzt, und dass die klassische Trennung von Abteilungen und Hierarchien im täglichen Miteinander keine Rolle mehr spielt. Wir sind darauf angewiesen.

 

Wer so führt, und das ist zweifellos die richtige Variante der Zukunft, tut etwas, das in der Logik einleuchtet und im Alltag trotzdem allem widerspricht, was die meisten Menschen je über Führung gelernt haben. Genau da liegt das Problem. Diese Art der Führung wird von Mitarbeitenden und mittleren Führungskräften oft als schwach wahrgenommen. „Die Führung liefert nicht.“ „Zu weich.“ „Wir wünschen uns mehr Entscheidungen und eine klarere Hand.“ Die Sehnsucht nach dem klassischen Chef lebt. Früher war klar, wer das Sagen hat. Es wurde nicht diskutiert, sondern einfach gemacht, was man uns gesagt hat.

Das bedeutet nicht, Strukturen aufzulösen. Es bedeutet, im Alltag so miteinander umzugehen, als hätte man keine.

Aber hier muss man genau hinschauen. Was nach Schwäche aussieht, ist nicht zwingend dasselbe.

 

Es gibt zwei Formen, in denen Führung Raum lässt, und man muss sie unbedingt unterscheiden.

 

Die erste: Die Führungskraft nimmt sich zurück, baut aber gleichzeitig ein feines Netz der Kontrolle darunter. Verantwortungsinseln werden sauber voneinander getrennt. Transparenz durch Zahlen. Bewertungsstrukturen, die jeden Schritt messbar machen. „Ihr habt mein volles Vertrauen“ — und trotzdem weiß jeder, dass Konsequenzen gezogen werden, wenn es nicht passt. Das ist kein Vertrauen. Das ist ein Panoptikum in modernem Gewand, eine Architektur, die Kontrolle ohne sichtbare Anwesenheit erzeugt.

 

Die zweite: Die Führungskraft gibt ein echtes Mandat, echte Gestaltungsfreiheit, und übernimmt im Schadensfall die Verantwortung, nicht als Sprechformel, sondern tatsächlich. Ihre Aufgabe ist es, den Weg freizuhalten, damit die Menschen darauf frei gestalten können.

 

Die zweite Variante klingt einfacher als sie ist. Denn hier beginnt die eigentliche Schwierigkeit: Viele Menschen sind mit echter Freiheit zunächst überfordert, nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie es schlicht nie gelernt haben. Die meisten Systeme vor dem Beruf, Schule, Erziehung, Familie, sind im Kern autoritär strukturiert. Wer die richtige Antwort liefert, bekommt gute Noten. Wer unnötige Fragen stellt, gilt als Störer. Als Kind lernt man schnell, dass man als guter Follower besser fährt.

 

Diese Konditionierung sitzt tief, und sie lässt sich nicht per Organigramm abschütteln. Wenn dann plötzlich Gestaltungsraum da ist, fühlt er sich nicht wie Befreiung an, sondern wie Last. Hinzu kommt: echte Mitgestaltung ist anstrengend. Man muss mit Kollegen, anderen Abteilungen und Vorgesetzten einen Konsens herstellen. Das kostet weit mehr als Dienst nach Vorschrift. Und so entsteht, manchmal ganz leise, die Sehnsucht nach dem Chef, der einem diese Arbeit abnimmt.

 

Was dann entsteht, wenn die erste Variante auf Dauer gelebt wird, ist das giftigste Klima, das eine Organisation produzieren kann. In der klassischen autoritären Führung ist die Aufstellung wenigstens klar: keine falschen Erwartungen, also auch keine Enttäuschung. In der gelogenen Liberalität aber weckt man Engagement, echte Beteiligung, Vertrauen — und bestraft sie dann. Man sperrt Menschen in Einzelkäfige ein, die von außen wie offene Räume aussehen. Das ist das eigentliche Problem, nicht die schwache Führung, sondern die verlogene.

 

Was hingegen tatsächlich nach Schwäche aussieht und keine ist, das echte Mandat, die echte Verantwortungsübernahme nach oben, stellt an alle Beteiligten mehr Anforderungen als das alte Modell. Für die Führungskraft, weil sie aushält, unsichtbar zu wirken. Für die Mitarbeitenden, weil echte Gestaltung anstrengender ist als Ausführung.

 

Aber die Frage, die sich davor stellt, ist eigentlich eine andere: Sind wir wirklich bereit, Verantwortung abzugeben — oder wollen wir nur, dass es so aussieht?